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Vom Wörterbuch zum Übersetzen der Zukunft - die ständige Weiterentwicklung im Bundessprachenamt

Die Zukunft des Übersetzens ist digital, aber die Menschen vor und hinter den Maschinen bestimmen, wie sie aussieht
Die Zukunft des Übersetzens ist digital, aber die Menschen vor und hinter den Maschinen bestimmen, wie sie aussieht (Quelle: BSprA/Simon Ruhnke)Größere Abbildung anzeigen

Wenn Gabriele Riedl von ihrer Zeit im Bundessprachenamt (BSprA) erzählt, erfährt man viel darüber, was ein Arbeitsleben wirklich prägt. Immer wieder erinnert sie sich an Kolleginnen und Kollegen, die kürzlich in Rente gegangen sind. Es ist ein Generationswechsel. Anfang Juli feiert das Bundessprachenamt sein 50-jähriges Jubiläum. Die meisten Angehörigen der "Gründergeneration" sind schon lange nicht mehr im Dienst und mit den Menschen hat sich auch die Technik im Sprachmittlerdienst (SMD) immer wieder erneuert.

Übersetzende im BSprA arbeiten schon heute mit digitaler Unterstützung, nutzen die Software TRADOS und digitale Datenbanken. Bis dahin war es ein weiter Weg
Übersetzende im BSprA arbeiten schon heute mit digitaler Unterstützung, nutzen die Software TRADOS und digitale Datenbanken. Bis dahin war es ein weiter Weg (Quelle: PIZ Personal/Stephan Ink)Größere Abbildung anzeigen

Wer auf rund 45 Jahre zurückblickt, hat einiges zu berichten, hat steten Wandel erlebt und sich dadurch auch selbst verändert. „Als ich vor fast 50 Jahren hier als Schreibkraft angefangen habe, wurde noch alles auf Schreibmaschine abgetippt, natürlich mit Durchschlag“, berichtet Riedl. Dreifache Ausfertigung – Die Formulierung ist selbst fast schon ein Synonym für amtliche Verfahren und die gute alte deutsche Verwaltung geworden.

Die Digitalisierung ändert (fast) alles

Nicht ganz fair, denn umfangreiche E-Mailverteiler kennen wir immer noch. „Wenn man heute zehn Leute in den Mailverteiler setzt, hieß das damals: zehn Mal ausdrucken und für den Postversand fertigmachen,“ erzählt sie weiter. Man darf deshalb davon ausgehen, dass früher insgesamt eher weniger versendet wurde. Das Fazit der 61-jährigen ist aber eindeutig: „Das meiste ist heute wirklich viel einfacher geworden - wenn die IT funktioniert!“ Auch digitale Arbeit hat schließlich ihre Tücken.

Seit rund 45 Jahren arbeitet Gabriele Riedl im Sprachmittlerdienst (SMD). Im Laufe der Zeit hat sie viele technische Neuerungen erlebt, ist selbst zur Expertin geworden
Seit rund 45 Jahren arbeitet Gabriele Riedl im Sprachmittlerdienst (SMD). Im Laufe der Zeit hat sie viele technische Neuerungen erlebt, ist selbst zur Expertin geworden (Quelle: BSprA/Simon Ruhnke)Größere Abbildung anzeigen

Immer wieder hat sie im Laufe der Zeit neue Verfahren kennengelernt und wie die Technik in den Büroalltag Einzug hielt. „Angefangen hat es mit der elektrischen Schreibmaschine. Die Übersetzer haben ihre Texte aber noch auf normalen Geräten geschrieben, mit extra großem Zeilenabstand.“ Dort haben dann die Überprüfer ihre Anmerkungen und Korrekturen von Hand hineingeschrieben. „Anschließend wurden die Texte mit den Korrekturen von uns als Endprodukt abgetippt und über die Poststelle an die Auftraggeber geschickt.“

Expertin (nicht nur) für unleserliche Handschriften

Für Gabriele Riedl und ihre Kolleginnen, damals waren im Schreibdienst tatsächlich Frauen beschäftigt, war das nicht nur mit ständigem Termindruck verbunden, sondern auch mit einer Herausforderung der besonderen Art: „Noch heute kann ich auch fast unleserliche Handschriften entziffern“, scherzt die erfahrene Fremdsprachenassistentin. Aber sie berichtet auch von „Eingabeproblemen“ der ganz anderen Art.

Der Schreibautomat der Firma Redactron aus den 70er Jahren übermittelte Texte an einen Fernschreiber. Später konnten Daten auch auf Bandspeichergeräten oder Disketten gespeichert werden
Der Schreibautomat der Firma Redactron aus den 70er Jahren übermittelte Texte an einen Fernschreiber. Später konnten Daten auch auf Bandspeichergeräten oder Disketten gespeichert w… (Quelle: BSprA/Archivmaterial)Größere Abbildung anzeigen

Das Bundessprachenamt hat früh auf technische Lösungen und Computer gesetzt. Mit ihren Redactron Textverarbeitungsmaschinen war die Behörde in den 70er Jahren auf der Höhe ihrer Zeit. Es gab noch keine Benutzeroberfläche, wie wir sie von modernen PC kennen, sondern nur ein Textfeld, in das sämtliche Formatierungen, etwa für „fett“ oder „kursiv“, mühsam und als umständliche Programmierbefehle eingetippt werden mussten.

Redactron und „Gucki“ erleichtern die Arbeit

„Es gab nur den Text auf dem Bildschirm; und der war ziemlich klein. Die Überraschung kam dann beim Ausdrucken; ein Komma oder Ausrufezeichen hat man eigentlich fast immer vergessen“, berichtet Riedl. Häufig hieß es dann: „Noch einmal von vorn, zumindest für die Seite mit dem Fehler.“ Aufwendig und manchmal frustrierend, aber eine große Erleichterung im Vergleich zur Arbeit mit Tipp-Ex oder dem erneuten Abtippen ganzer Textseiten.

Das „Gucki“ fehlte auf keinem Schreibtisch. Mit dem Lesegerät für Mikrofilme konnten umfangreiche Wörterbücher und Listen mit Fachbegriffen abgerufen werden
Das „Gucki“ fehlte auf keinem Schreibtisch. Mit dem Lesegerät für Mikrofilme konnten umfangreiche Wörterbücher und Listen mit Fachbegriffen abgerufen werden (Quelle: BSprA/Archivmaterial)Größere Abbildung anzeigen

Auch die Übersetzer erhielten später neben Wörterbüchern und Glossaren erste technische Hilfsmittel. „Das Gucki stand immer direkt neben der Schreibmaschine“, erinnert sich Riedl. Das sogenannte „Gucki“ war ein Microfiche Lesesystem für Mikrofilme, das die Übersetzer mit der richtigen Fachterminologie versorgte. Gerade in der Bundeswehr reichen herkömmliche Wörterbücher oft nicht aus, es gibt militärische Fachbegriffe und eine abgestimmte Sprachregelung mit den Verbündeten in der NATO.

Die Zukunft des Übersetzens

Im Bundessprachenamt gibt es daher ein eigenes Referat für Terminologie und Sprachtechnologie. Hier wird nicht nur über der genauen Wortbedeutung militärischer Fachbegriffe gebrütet, sondern auch an der Zukunft des Übersetzens gearbeitet. Das Bundessprachenamt hat dafür beste Voraussetzungen, computerunterstützte Übersetzungen und Sprachausbildung sind hier bereits seit vielen Jahren gang und gäbe.

Gabriele Riedl und Beate Kuhl arbeiten im Referat SMD 2: Hier wird unter anderem die Sprachtechnologie für den Sprachmittlerdienst (SMD) weiterentwickelt
Gabriele Riedl und Beate Kuhl arbeiten im Referat SMD 2: Hier wird unter anderem die Sprachtechnologie für den Sprachmittlerdienst (SMD) weiterentwickelt (Quelle: BSprA/Simon Ruhnke)

Das System SDL TRADOS Studio greift auf bereits übersetzte Texte zurück und stellt aus diesem gesammelten Datenschatz Vorschläge für die Übersetzer zusammen, die sich daran orientieren oder sogar ganze Segmente übernehmen können. Künftig wird auch die maschinelle Übersetzung die Sprachmittler bei ihrer Arbeit unterstützen. Auch hier bleiben aber Erfahrung und gesunder Menschenverstand die wichtigsten Arbeitsmittel.

Menschliche Erfahrung bleibt unersetzlich. Anspruchsvolle Texte, Dolmetschen und Qualitätssicherung können nur professionelle Sprachmittler
Menschliche Erfahrung bleibt unersetzlich. Anspruchsvolle Texte, Dolmetschen und Qualitätssicherung können nur professionelle Sprachmittler (Quelle: Bundeswehr/Jonas Weber)Größere Abbildung anzeigen

Aufgaben werden vielfältiger

„Die Aufgaben der Übersetzer werden in Zukunft eher vielseitiger werden. Die Arbeit wird nicht weniger, aber sie wird sich verändern“, ist sich Beate Kuhl sicher. Die Terminologin hat sich intensiv mit digitalen Übersetzungsmethoden beschäftigt: „Maschinell gefertigte Texte müssen korrekturgelesen und die Datenbanken sorgfältig gepflegt werden“, so Kuhl. Die hier gelagerten Daten, also die im System eingepflegten Übersetzungen und Originaltexte, sind die „Wissensbasis“ für die Arbeit mit Software-Tools und Anwendungen, die auf Künstlicher Intelligenz basieren.

Für Kuhl ist die Qualitätssicherung daher eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg: „Wir wissen noch nicht, welche systemtypischen Fehler bei der maschinellen Übersetzung auftreten werden. Es wird sie aber geben und sie werden von Sprache zu Sprache unterschiedlich sein.“ Eine spannende Zukunftsaufgabe für die Sprachwissenschaftler und Übersetzer im Sprachmittlerdienst und ein weiterer Schritt auf dem Weg vom „Gucki“ zum Übersetzen der Zukunft.


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Stand vom: 26.06.2019 | Autor: 


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