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Krieg in der Seele: 2,9% der deutschen Soldatinnen und Soldaten im Einsatz erkranken an PTBS

Die Podiumsdiskussion steht kurz bevor: 80 geladene Gäste nahmen an der Veranstaltung teil. (Quelle PIZ Personal/Christoph Paul)

Durch die Podiumsdiskussion vor rund 80 geladenen Gästen im Edith-Stein-Haus in Heidelberg führte Dr. Christoph Trinn. Er ist Politikwissenschaftler, Konfliktforscher und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Denkansätze zum Motto des Abends „Krieg in der Seele – Trauma, Schuld und Verantwortung bei Militäreinsätzen“ diskutierten Generalarzt Dr. Bernd Mattiesen, Beauftragter für Posttraumatische Belastungsstörungen der Bundeswehr, Militärdekan Armin Göllner und Jens K.,* ein ehemaliger Offizier mit umfangreicher Einsatzerfahrung.

In der Vergangenheit habe die Bundeswehr versucht, Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) einfacher, unbürokratischer und schneller zu begegnen, beschrieb Generalarzt Dr. Mattiesen. An den Standorten könne sich jeder Soldat und jede Soldatin an das „Psychosoziale Netzwerk“ wenden. Dieses setzt sich aus Psychologinnen und Psychologen, Truppenärzten, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorgern zusammen. Die zuständigen Familienbetreuungszentren spielen als Ansprechpartner ebenfalls eine wichtige Rolle. Darüber stünde das Psychotraumzentrum der Bundeswehr mit einer eigenen Forschungsabteilung. „Prävention und Behandlung von psychischen Einsatzfolgeschäden zählt dort zu den Hauptaufgaben“, so der Generalarzt. Des Weiteren gibt er an, dass die Anzahl an verfügbaren Psychologen und Psychiatern steige.

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Auf dem Podium diskutierten ein ehemaliger Offizier, ein Militärdekan, der Beauftragte für PTBS der Bundeswehr und ein Politikwissenschaftler. (Quelle: PIZ Personal/Christoph Paul)Größere Abbildung anzeigen

Einfach einmal unverfänglich über Probleme sprechen können

Das Besondere an diesem Netzwerk sei, dass sich Betroffene jederzeit beispielsweise bei einem Vertreter der Militärseelsorge ihre Probleme von der Seele reden können, erklärte Militärdekan Göllner. Nicht immer wäre es angebracht, mit Ratschlägen helfen zu wollen. Ein Militärgeistlicher müsse manchmal auch ein „Mülleimer für die Seele der Soldaten“ sein, der einfach mal nur zuhöre. Die Konfession spiele dabei absolut keine Rolle. Diese Redebereitschaft sei ein wichtiger Aspekt, denn „viele Soldaten scheuen vor Gesprächen mit Ärzten zurück, da sie auf Grund der Dokumentation in den ärztlichen Unterlagen Karrierenachteile befürchten“, ergänzte Göllner. Von dieser unverfänglichen Möglichkeit werde auch zunehmend reger Gebrauch gemacht. Dies bestätigte auch der ehemalige Offizier, der mehrmals in Afghanistan im Einsatz war. Jens K. wurde dort mit dem Suizid eines Kameraden und mehreren Sprengstoffanschlägen konfrontiert: „Bis 2006 wurden Militärpfarrer im Einsatz eher belächelt. Danach hat die Professionalität und die Akzeptanz der Militärseelsorger und Psychologen […] deutlich zugenommen.“ Diese wurden dann auch in der freien Zeit von Soldaten beispielsweise zum Grillen eingeladen. Damit habe man Hemmschwellen deutlich abgebaut und konnte einen Bezug zu den Seelsorgern und Psychologen aufbauen. „Das ist von beiden Seiten gut angenommen worden und hat in meiner Kampfeinheit zu einer wirklich wichtigen und hilfreichen Zusammenarbeit und offenen Gesprächen geführt“, so der ehemalige Einsatzoffizier.

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Niedrigere Krankheitshäufigkeit bei PTBS im internationalen Vergleich

Generalarzt Dr. Bernd Mattiesen im Gespräch mit Dr.Christoph Trinn (Quelle: PIZ Personal/Christoph Paul)

Dr. Mattiesen gab an, dass 2,9% der deutschen Soldaten im Einsatz laut aktuellen Studien an PTBS erkranken. Dies ist die sogenannte Krankheitshäufigkeit oder auch „Prävalenz“. „Damit liegt die Bundeswehr unter den Zahlen aus Großbritannien und deutlich unter den Zahlen der Amerikaner. Über die Gründe kann man durchaus spekulieren“, beschrieb Mattiesen. Ein Grund dafür könne die deutlich bessere und individuellere Einsatzausbildung der deutschen Soldaten sein. Ein anderer Grund könne sein, dass deutsche Soldaten in der Regel deutlich kürzer in den Einsatz gehen, als das bei den US-Streitkräften üblich sei, nämlich vier bis sechs Monate anstelle eines ganzen Jahres. „Und das ist für einen Soldaten oft schon sehr, sehr lang“, so Mattiesen. Dem gegenüber stünde eine Zahl von circa 800 behandlungsbedürftigen Betroffenen im laufenden Jahr.

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Psychische Widerstandsfähigkeit ist abhängig vom sozialen Umfeld und Charakter

Ob jemand an PTBS erkranke, sei stark davon abhängig, wie sich die soziale Situationen und die Charakterzüge der jeweiligen Person darstellen, sagte Dr. Mattiesen. Die psychische Widerstandsfähigkeit gegen die Erkrankung nennt sich Resilienz. „Ein stabiles persönliches Umfeld trägt signifikant zur Vermeidung von PTBS bei. Das trifft auch auf Personen zu, die eher eine hedonistische, also genussorientierte, egoistische Lebensführung pflegen“, so Mattiesen. Menschen, die also beispielsweise in schwierigen familiären Verhältnissen leben oder eher selbstlos im Sinne von Anderen denken und handeln, erkranken eher an PTBS.

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Neue Medien beeinflussen die psychische Leistungsfähigkeit

Neue Kommunikationsmedien spielen eine entscheidende Rolle beim Stressempfinden und haben einen Einfluss auf die Psyche. Bei allen Vorteilen, die Facebook, WhatsApp und Skype haben, bringen diese aber auch Risiken bzw. Nachteile im Einsatz mit sich. „Früher wurden Briefe geschrieben, deren Inhalte reflektierter und wohlüberlegter waren. Heute wird teils spontan und manchmal mehrmals täglich eine Nachricht geschrieben“, gab Militärdekan Göllner zu bedenken. „Bleibt eine Nachricht mal aus oder ist die Nachricht zu ungenau oder unüberlegt, beginnen sich die Angehörigen zu Hause unter Umständen grundlos Sorgen zu machen“, so der Dekan. Dies bestätigt Mattiesen: „Im Einsatz sind die neuen Medien nicht immer ein Segen. Der Soldat stellt sich teilweise selber unter Druck.“

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Selbstverteidigung steht im Vordergrund

(v.l.): Der ehemalige Offizier mit Einsatzerfahrung, Militärdekan Armin Göllner, Generalarzt Dr. Bernd Mattiesen und Politikwissenschaftler Dr. Christoph Trinn (Quelle: PIZ Personal/Christoph Paul)

Diskutiert wurde ferner das Thema Gewissen, mit dem sich insbesondere Soldatinnen und Soldaten im Einsatz konfrontiert sehen. Im Raum stand die Frage, ob sich eine ethische oder moralische Problematik bereits im Gefecht äußere. Die Podiumsgäste verneinten dies einstimmig: „Die einsatzvorbereitende Ausbildung ist sehr umfangreich und realitätsnah. Soldaten werden dabei für unterschiedlichste schwierige Situationen professionell geschult. Im Gefecht gilt dann zunächst einfach nur, unversehrt mit den Kameraden zurückzukehren und sich selbst zu verteidigen. Das sind antrainierte Verhaltensweisen, die von Professionalität zeugen“, erläuterte der ehemalige Offizier. Er ergänzte: „Kollateralschäden werden natürlich trotzdem vermieden und nur die wirklich erforderlichen Maßnahmen ergriffen.“ Erst nach dem Vorfall begännen die Prozesse, die mit der Verarbeitung des Erlebten zusammenhängen, fügte der Generalarzt hinzu. „PTBS-Symptome treten sogar oftmals erst Monate oder Jahre später auf, wenn entsprechende Auslösemechanismen wie Bilder, Geräusche oder Gerüche wahrgenommen werden“, so Mattiesen. Insbesondere dann seien ein gut funktionierendes und aufmerksames „Psychosoziales Netzwerk“ sowie zielführende therapeutische Maßnahmen enorm wichtig. Auch Verdrängtes umgehend aufzuarbeiten und den betroffenen Soldatinnen und Soldaten sowie deren Familien Lebensqualität zurück zu geben sei von entscheidender Bedeutung und für eine moderne, fürsorgliche Betreuung essenziell.

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Die Mohnblume ist das Erkennungsmerkmal des britischen Remembrance Sunday (Quelle: Wikimedia Commons/Philip Stevens)Größere Abbildung anzeigen

Kultur der Wertschätzung

Der Rückhalt der Bundeswehr in der Bevölkerung sei ein wichtiger Aspekt, um die Truppe für ihr Handeln moralisch zu entlasten. „Eine Kultur der Wertschätzung, ähnlich wie sie beispielsweise die Britische Nation mit dem ‚Remembrance Sunday‘ lebt, kann ich mir als angemessen Weg vorstellen“, meinte Militärdekan Göllner. Dies würde auch den Familien zu Hause helfen, die manchmal sogar mehr unter der Einsatzsituation leiden als das Familienmitglied im Auslandseinsatz.

* Name von der Redaktion geändert

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Stand vom: 24.11.15 | Autor: Christoph Paul


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